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de decumatibus agris

von Bettina Lege

für Frank Olthoff

Frühchristliche oder Jüdische Gemeinde im Oppidum Altum?

Versuch einer Klärung

aus: de decumatibus agris (dda) Mitteilungen des Instituts zur Erforschung der keltisch-römischen Geschichte Badens, Jahrgang 125, Heft 1, 1998, S.15-23.

Bekanntlich hat der letztjährige Fund eines fragmentarischen Grabsteins aus dem späten ersten oder frühen zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Diskussion um die beweisbare Existenz einer frühchristlichen oder einer jüdischen Gemeinde vor dem vielzitieren rescriptum Philippus Arabs von 248 u.Z.  erneut entfacht. (1)

Ich will hier noch einmal die Entstehungsgeschichte dieses gelehrten Streites, der nun bald sein 100-jähriges Jubiläum erreicht (2), rekapitulieren, um im Anschluß daran die tatsächliche Aussagefähigkeit des fraglichen Grabsteines fundierter beurteilen zu können.

Im Jahre 1898 stieß man bei den Ausbesserungsarbeiten an der Treppe von der Hohenheimer Neustadt hinauf zum Domplatz auf einige, zum Teil künstlich erweiterte Höhlen, deren nähere Erkundung bald zu dem Schluß führte, daß man es hier mit - inzwischen allerdings geplünderten - Grablegen zu tun hatte, die seit dem ersten Jahrhundert u.Z. entstanden und bis ins vierte Jahrhundert regelmäßig genutzt wurden. (3) Es fanden sich in diesen 'Hohenheimer Katakomben' auch Reste von Wandmalereien ornamentaler und gegenständlicher Natur, letztere schlossen auch einige biblische Bildmotive ein. (4)

Insbesondere die 'Kammer der Menora', deren ornamentaler Bildschmuck sicher aus der frühesten Zeit stammt, galt den Verfechtern dieser Position als schlagender Beweis für die Existenz einer jüdischen Gemeinde im Oppidum Altum bereits in flavischer Zeit. (5)

Bei den Restaurierungsarbeiten in den frühen fünfziger Jahren stellte sich jedoch heraus, daß gerade die Menora offensichtlich nicht zeitgleich mit den restlichen Wandmalereien der Kammer entstanden war, sondern aus der Mitte des dritten Jahrhunderts stammte (6), also aus einer Zeit, für die wir ohnehin schriftliche Nachrichten über eine jüdische Gemeinde in Akropolis - Oppidum Altum - haben. (7)

Die 'Kammer des Jesulein' wiederum galt als Beweis für die Existenz zumindest einiger Christen bereits im frühen zweiten Jahrhundert. (8) Man wollte an der künstlerisch einigen zeitgleichen römischen Katakombenbildern nahestehenden Darstellung sogar festmachen, daß sich ein christlich gewordener Stadt-Römer von Rang in die Provinz nach Oppidum Altum zurückgezogen habe (9); dieser auch der erste Bischof der hier entstehenden frühchristlichen Gemeinde geworden sei. Neben der Darstellung eines Kindes in einer Wiege, flankiert von zwei Engeln, konnten sich die Verfechter dieser Position noch auf die Legende der Heiligen Tuscilla stützen, die von einem Bischof in oriente germania superiore (VSG.7,36,1) bekehrt worden sei. (10) Die Ortsangabe läßt sich im Zusammenhang sowohl als 'im östlichen Teil von Germania Superior', als auch als 'östlich von Germania Superior' verstehen. (11) Da in der Heiligenvita von einer Überschreitung des Rheins jedoch keine Rede ist, ist die einzig sinnvolle Annahme im Zusammenhang mit Übersetzungsversion zwei, daß der anonyme Autor von Raetia und damit vom Bischof von Augusta Vindelicorum spricht. (12)

Die Position der Verfechter einer frühen Christengemeinde wurde jedoch durch die oben erwähnte Restaurierung ebenfalls erschüttert, da die ursprünglich als Reste von Pflanzendarstellungen interpretierten grün-braunen Farbfragmente um die Wiege des vermeintlichen Jesulein sicher als Schlangen erkannt worden sind, wir es also mit der Darstellung des von Schlangen heimgesuchten Herakles in der Wiege zu tun haben, flankiert von zwei Genien. (13)

Als 1996 bei den Ausgrabungsarbeiten unter der Krypta des Domes einige Mauerreste aus dem siebten Jahrhundert zutage traten, die wohl als Reste der einst an dieser Stelle stehenden Klosterkirche anzusehen sind, stellte sich bald heraus, daß für diese Mauer in der Hauptsache Spolien des antiken Oppidum Altum verwendet wurden. (14) Bei der Sichtung der in dem Mauerzug verbauten Steine, fanden sich auch die Teile des bereits erwähnte Grabsteines, der vom Ende des ersten oder dem Beginn des zweiten Jahrhunderts u.Z. stammt. (15)

Aus der fragmentarischen und zudem stark beriebenen Inschrift ist nurmehr Rebeccae mulieri Marci (Zeile 4) und ...urio Legio XII (Zeile 5) mit Sicherheit zu lesen. (16) Richtig ist wohl, daß es sich um den Gedenkstein für das gemeinsame Grab einer Rebekka und eines Markus handelt. Und auch die Annahme, daß der Gatte Rebekkas mit der XII. Legion nach Raetia und vor seinem Tode noch über den Rhein in die Decumates Agri nach Oppidum Altum kam, ist vernünftig. (17) Bekanntlich wurden Teile der XII. Legion im Jahre 72 von Vespasian nach Raetia geschickt (Ps.Tac.12,5).

Da der Name Rebekka unzweifelhaft kein römischer ist, die XII.Legion zudem zuvor in Syria und Judaea stationiert war, ist es nicht unmöglich, daß sich ein Offizier dieser Legion dort verheiratete und seine Frau mit sich nach Raetia nahm. Natürlich ist es verlockend, diese Rebekka und diesen Markus mit dem Liebespaar zu identifizieren, dessen Briefwechsel Olthoff kürzlich rekonstruierte. (18)

Man kann aus den erhaltenen Fragmenten des Grabsteines jedoch sicher nicht ableiten, daß es sich bei Markus um einen Gottesfürchtigen handelte, wie Stein gerne möchte. (19) Da der Grabstein zudem nicht in situ gefunden wurde, ist aus diesem Stein eben kein jüdischer Friedhof und somit auch keine jüdische Gemeinde zu erschließen.

Ebensowenig ist aus den Resten der Inschrift ersichtlich, daß es sich bei einem oder beiden Ehepartnern um Christen gehandelt hat, wie Heikamp meint. (20) Denn es geht nicht an, allein aus der Tatsache, daß ein römischer und ein hebräischer Name gemeinsam auf einem Grabstein zu finden sind, eine blühende christliche Gemeinde im 2.Jh.u.Z. zu rekonstruieren.

Auch wenn dieser Fund also die nach der Restaurierung von 1953-6 verebbte Diskussion um eine jüdische oder eine frühchristliche Gemeinde Ende des ersten Jahrhunderts wieder entfacht hat, muß man doch sagen, daß - objektiv betrachtet - durch diese Inschrift keine der beiden Positionen gestützt wird.

 

Dipl.Architekt Bettina Gellermann
Departement für Stadtarchäologie
Hohenheim

 

Anmerkungen:

 1. HERZOG, R. - SABRE, M.C. - LUDWIG, D. (Hrsg.): Nachträge zu den Reskripten und Digesten der römischen Kaiser, ND Wien 1954, Nr.223 A. Das rescriptum, in dem ein Streit zwischen zwei jüdischen Sekten entschieden wird, gilt als erste Nachricht der Koexistenz einer jüdischen und einer christlichen Gemeinde in Hohenheim. Dazu zuletzt WANDELBACH, K.: Philippus Arabs an die Juden von Akropolis. Die Geschichte eines Streites, Hohenzell 1987.
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 2. Er begann mit Caesar WELCKLI's provokantem Aufsatz: Christliche Begräbnisplätze im alten Hohenheim, in: Neues Hohenheimer Wochenblatt, 5. Dezember 1898, S.5-7.
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 3. Dazu immer noch maßgeblich IMMERLING, C.: Die 'Katakomben' im Domberg zu Hohenheim, Hohenheim 1902.
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 4. Siehe dazu neben IMMERLING, wie Anm.3, etwa MÜLLER, H.-J. - UNGERS, Z.: Zeugnisse antiker Malerei in Baden, Hohenzell 1970; aber auch die im Druck befindliche Dokumentation über die beiden Restaurierungskampagnen UNGERS, Z. - GELLERMANN, B.: Die Hohenheimer Katakomben und ihre Restaurierungen 1953 und 1992.
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 5. Der Hauptverfechter der 'jüdischen' Position war und blieb bis zu seinem Tode 1948 der Oberrabbiner von Baden-Oberrhein, Dr. Daniel Dumeloille. Seine zahlreichen zu diesem Thema verfaßten Artikel, nebst einiger unpublizierter Briefe und Notizen, finden sich jetzt in dem von seinem Enkel herausgegebenen Sammelband DUMELOILLE, D.: Judaica Badensis. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Baden-Oberrhein, Hrsg. M. Drake, Hohenheim 1990. Daneben und bis in jüngste Zeit aber auch STEIN, E.: Die Ursprünge der jüdischen Gemeinde von Hohenheim, Hohenzell 1985; zweite vermehrte Auflage 1998. Dort auch eine reichhaltige Bibliographie.
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 6. MÜLLER, H.-J.: Erste Ergebnisse der Restaurierung der Domberg-Katakomben, in: dda 81, 1954, S.44-48; sowie UNGERS/GELLERMANN, wie Anm.4, Kap.6.
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 7. Neben dem kaiserlichen rescriptum (vgl. Anm.1) siehe dazu etwa auch KÖHLER, K.H.: Die Judaica-Sammlung der Bischöflichen Bibliothek zu Hohenheim, Basel 1960, S.72 ff; aber auch GATHWORTH, P.: Ancient Hebraic Manuscripts, London 1967, S.57; sowie die Faksimile-Ausgabe des CIIP (MS-Akr. 3781): The Codex Illuminatus Iudaicus Primus Akropolensis, Tel Aviv 1972.
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  8. Dumeloilles würdiger Gegenpart der 'christlichen' Position war bis zu seinem Tode im Jahre 1932 Msgr. Dr. Damian Kaulbach, Bischof von Freiburg, vergleiche dazu die bei DUMELOILLE, wie Anm.5, abgedruckten Briefe des Monsignore, aber natürlich auch KAULBACH, D.: Geschichte der frühen Christengemeinden, Freiburg i.Br. 1921, S.95 ff. Die Geschichte der 'christlichen' Position jetzt auch gut dokumentiert in PRATZNER, K. (Hrsg.): Das Jesulein von Hohenheim. Geschichte einer fiktiven frühchristlichen Gemeinde, Wetzlar 1995.
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 9. So nämlich in ALTENHOF, M.: Prosopographie der Christen im Römischen Kaiserreich vor Constantin, Bd.1, München 1942, S.215, der in dem Maler der 'Kammer des Jesulein' den Ausmaler einer Villa in Latium wiedererkennen will. Er bezieht sich dabei auf die unpublizierte Dissertation (Universität Modena) des Archäologen SALFORA, O.: Frescanti romani dell'antichità von 1928, die mir leider nicht zugänglich war.
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 10. GROENTE, P.: Die Bischöfe von Hohenheim, Hohenheim 1952, S.6 ff.
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 11. MORGAN, T.: De Corruptelis Vitarum Sanctorum Galliae, in: Ancient Philology 44, 1917, S.106-112.
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 12. Einen Forschungsbericht liefert übersichtlich PAULIN, L.: Die Heilige Tuscilla in Augsburg?, in: Raetia antiqua N.S. 9, 1978, S.7-13; zuletzt auch ders.: Die etruskische Heilige, Augsburg 1996.
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 13. MÜLLER, H.-J.: Die Restaurierungsarbeiten in den Domberg-Katakomben, in: dda 82, 1955, S.55-60; sowie UNGERS/GELLERMANN, wie Anm.4, Kap.7. Siehe auch: PETZOLD, K.: Der schlangenwürgende Herakles als Motiv in der spätantiken Kunst, in: Archaeologica Helvetica 41, 1984, S.88-147.
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 14. GELLERMANN, B.: Zum sogenannten 'Vorgängerbau' des Hohenheimer Domes, in: Journal der Stadtarchäologie, 17, 1997, S.1-46.
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  15. MALIK, A.: Die Inschriftenfunde der Grabungssaison '96-97, in: dda 124, 1997, S.25-53; sowie POUSSIN, R.: Le nouveau trouvé de Notre Dame de Hohenheim, in: Études de Épigraphie Latine 120, 1997, S.412-420 mit einer eingehenden Untersuchung des Schrifttypus, sowie einigen vorsichtigen Ergänzungsversuchen.
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 16. POUSSIN, wie Anm.15, S.417.
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 17. Vgl. hierzu die allerdings zum Teil sehr phantasievollen Ergänzungen bei HILBRICH, E.: Der neugefundene römische Grabstein, in: dda 124, 1997, S.201-214.
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  18. OLTHOFF, F.: Two Papyri from the Roman Eastern Provinces. A Letter and an Answering Letter, in: Construction Sight 1, 1997, S.19-21.
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 19. STEIN, E.: Zu dem auf dem Domberg gefundenen Grabstein, in: Boker Tow, 6. Tischri 5758 [= 7.10.'97], S.3.
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 20. HEIKAMP, S.: Christen in Oppidum Altum, in: Das Domkapitel, 11. Oktober 1997, S.1.
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Dieser Artikel ist ein literarisches Werk und wurde ATARI-gestützt erstellt.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2014,
zuletzt geändert am 15.06.2011.