27993 Die RSS Dragon auf
ihrem Weg durchs Sonsyst

Kleine Drachen

von Bettina Lege

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Cornelis Vincent Leuvenhook knautschte nervös sein druckfrisches Offizierspatent. Seit einer guten halben Stunde hatte er es nun schwarz auf weiß: er war Chief Petty Officer der Royal Space Navy und sollte seinen neuen Posten an Bord des königlichen Kurierschiffes Dragon antreten. Das Dumme war nur, daß die Dragon noch nicht an der Orsta angedockt hatte; und die Blicke, mit denen man hier im Wartebereich der Mars-Orsta seine raumblaue Uniform musterte, gefielen ihm gar nicht.

"CPO Leuvenhook?" fragte eine jugendliche Stimme auf der Höhe von Leuvenhooks Nabel.

Leuvenhook beugte sich hinunter. "Ja?" Der kleine Junge war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Er trug auffällig bunt gemusterte Seidenkleidung und seine schwarzen Haare waren zu einem langen Zopf geflochten. Und er streckte Leuvenhook seine kleine Hand entgegen.

Leuvenhook ergriff sie vorsichtig, um sie zu schütteln, sie war eisig kalt.

"Ich bin KidsAndro 556 Kleiner Drache", erklärte der Android, der wie ein kaiserlicher Würdenträger der Mandschu-Dynastie gekleidet war. "Sie sind für meinen Transport verantwortlich, nicht wahr?"

Leuvenhook war einen Moment sprachlos. Aber als Verbindungsoffizier war er natürlich auch für etwaige Postsendungen, die man der Dragon anvertraute, zuständig. "Ja", antwortet er daher schließlich. Auch wenn es ein merkwürdiges Gefühl war, sich mit einer Postsendung zu unterhalten, war das doch besser, als über die Gedanken hinter den feindseligen Blicken der marsianischen Bergarbeiter nachzudenken, die auf ihre Transportmöglichkeit zum Planeten hinunter warteten.

"Für wen sind sie bestimmt?" fragte Leuvenhook im Gesprächston.

"Für Lady Violet O'Neill auf Terra", antwortete der Android höflich, "die Enkelin des Earl of Dorchester."

"Wurden sie hier auf der Orsta hergestellt?" wollte Leuvenhook wissen.

Kleiner Drache schüttelte den Kopf. "Die 500er-Serie wird nur auf der Orsta zusammengebaut. Meine Einzelteile stammen zum größten Teil aus dem Ring und von den Jupiter-Orstas."

"Aha." Leuvenhook bemerkte, daß die feindseligen Blicke jetzt offensichtlich auch dem Luxusspielzeug galten, mit dem er sich unterhielt. Waren die finster ausehenden Männer nähergekommen?

"Ist das nicht ihr Schiff?" fragte Kleiner Drache.

Leuvenhook sah hinüber zu den Andocktoren der Orsta, auf die das Produkt von KidsAndro wies. Bei einem der Tore flammten flackernd die Bereitschaftslampen auf, auf der Anzeigetafel erschien 'RSS Dragon, RSN-Kurier'. Endlich! Leuvenhook gestattete sich einen kleinen Erleichterungsseufzer.

*

Der Kapitän begrüßte sein neues Mannschaftsmitglied auf dem Gang vor der Brücke. Leuvenhook konnte am massigen Körper des Kapitäns vorbei durch die offene Tür nur einen kleinen Ausschnitt der Kommandozentrale sehen, ein paar Schaltpulte mit blinkenden Lichtern. Bis er dorthin vordrang, würde es wohl noch einige Jahre dauern.

Als Nächsten lernte Leuvenhook den Cheffunker kennen, einen kleinen Mann, der seinem Dialekt nach aus dem Ring kam. "Die Funkkabin", erklärte er und öffnete die Tür zu einer kaum schrankgroßen Kammer. "Hir is dr Lastrefu un du'bst dr Hilfsfunkr, wenn dr zweite Funkr Paus hat." Und er wurde in die Funkkabine geschoben.

An einer Wand war ein Brett befestigt, das als Tisch diente und auf dem an der Wand der Langstreckenfunk stand, daneben eine Gegensprechanlage, wohl der Schiffscom und - Leuvenhook staunte, denn das hatte er bisher nur in Museen gesehen - ein Röhrenradio.

Der Cheffunker erklärte, daß sein Arbeitsplatz auf der Brücke am DiCom war. Das erklärte natürlich, warum hier in der Funkkabine kein Digitalfunk für Kurzstreckenmitteilungen wie Andockanweisungen oder - im Kriegsfalle - Kampfbefehle stand. Da eine Lastrefu-Einheit mehr der allgemeinen Nachrichtenübermittlung diente, hatte es natürlich eine gewisse Logik, den Verbindungsoffizier an das Gerät zu setzen.

Der einzige Stuhl der Kabine war unter das vorstehende Brett geschoben. An der gegenüberliegenden Wand war ein in mehrere Reihen von Fächern unterteilter Schrank montiert, vor jedem Fach eine abschließbare Metalljalousie. "Die Postfächr", erklärte der Cheffunker.

Die ganze Funkkabine war nicht größer als eine Postbox, ging es Leuvenhook durch den Kopf. Und er sagte es.

Der Cheffunker grinste breit. "Du'hst recht."

Natürlich war der KidsAndro 556 zu groß für eines der Postfächer in der 'Postbox'. Also wurde er abgestellt, zum Schutz der Seidenkleidung in eine Plasticplane eingeschlagen und dann in den Laderaum gebracht.

Die Dragon war klein und nicht mehr ganz neu, aber in gutem Zustand. Sie hatte ein Shuttle und zwei kleine Rettungskapseln und der geräumigste Ort auf dem Schiff war die Messe. Während des Mittagessens lernte Leuvenhook den Rest der zehnköpfigen Besatzung kennen und das Essen war ganz ordentlich - sehr viel besser als auf der Princess of Orange, seinem einzigen bisherigen Posten im Raum. Trotz des beengten Arbeitsplatzes schien es sich an Bord der Dragon aushalten zu lassen und es gab schlimmeres, als die Kajüte mit einem fähigen Koch zu teilen.

*

Am Nachmittag hatte Leuvenhook seine erste Schicht als Hilfsfunker am Lastrefu. Die erste halbe Stunde saß er in vorbildlicher Haltung auf dem Stuhl der 'Postbox' und musterte gespannt den Lastrefu. Doch außer der grünen Bereitschaftsleuchte war dort nichts zu sehen. In der nächsten halben Stunde schaute Leuvenhook ab und zu weg vom Lastrefu und in die zwei Schubladen unter dem behelfsmäßigen Tisch. Er fand Stifte und Papier, sogar ein wenig Klebeband, außerdem eine Handvoll kleiner Schlüssel, die zu den Postschließfächern gehörten. Und unter dem schmalen Stapel Blätter fand er noch ein eselsohriges Taschenbuch, italienischsprachig, nach dem Titelbild zu urteilen irgendeine romantische Herz-Schmerz-Geschichte. Im Deckel stand 'CPO Kim'. Offensichtlich hatte sein Vorgänger das Buch hier vergessen, als er die Dragon verlassen hatte.

Eine Stunde später überlegte Leuvenhook, ob er nicht vielleicht Italienisch lernen sollte, um das Buch lesen zu können. Spaßeshalber blätterte er ein wenig in dem Buch und schaute, ob er bekannte Wörter fand.

Als die dritte Stunde begann, drehte Leuvenhook sich um und inspizierte die Postfächer - natürlich hatte er sich vorher vergewissert, daß der Audioalarm des Lastrefu in Betrieb war. Die meisten der geschlossenen Fächer waren nicht abgeschlossen und leer. Eines enthielt allerdings einige leere Briefumschläge. Leuvenhook packte sie in die Schublade zum Papier. Fach Nr.35 war verschlossen. Also suchte der Verbindungsoffizier vom Dienst den passenden Schlüssel hervor und öffnete das Fach. Darin war ein kleines, leichtes Päckchen. Es war an eine marsianische Anschrift adressiert, der Absender war verwischt, die Reste der Piktogramme ließen jedoch darauf schließen, daß es sich um eine der üblicherweise zweisprachig geschriebenen venusischen Planeten-Anschriften handelte. Dazu kam ein gelber Aufkleber: "Delivery bis 22.5.!" Ganz offensichtlich hatte sein Vorgänger nicht nur sein Taschenbuch vergessen. Mit einem Blick auf den Kalender vergewisserte Leuvenhook sich: sie hatten den 12.6.

Irgendwo mußte es doch auch ein Verzeichnis der Aufträge geben. Zwei der verschlossenen Fächer waren noch ungeprüft. In einem lag eine Urkundenrolle vom Patentamt Saturn für ein venusisches Unternehmen. Da die Venus-Orsta auf der eliptischen Bahn der Dragon durchs Sonsyst der nächste Halt war, schien das zumindest in Ordnung zu sein. Und im anderen Fach lag tatsächlich das Auftragsbuch und ein veraltetes Exemplar des RaumTransportGesetzes.

Kims Auftragsbuch-Führung war das reine Chaos. Bei den meisten Einträgen des vergangenen Halbjahres fehlte ein Empfangsdatum - von Auslieferungsdaten ganz zu schweigen. Und dazu waren gut 30% der Einträge in asiatischen Schriftzeichen abgefaßt, die er nicht lesen konnte. Leuvenhook war erschüttert.

Aber dann erinnerte er sich an seine Pflicht, suchte nach der letzten beschriebenen Seite im Buch, x-te den leeren Rest der Seite durch und schrieb auf den Kopf der nächste Seite: "Dienstantritt CPO Leuvenhook 12.6.'24, 11.30 Uhr." Und darunter, in die erste Zeile der vorgedruckten Tabelle: "1 KidsAndro 556; Earl of Dorchester, Terra; 12.6.; 11.45 Uhr; Laderaum, verpackt gelagert." Er fingerte die Ladepapiere, die Kleiner Drache ihm gegeben hatte, aus der Brusttasche der Uniform und steckte sie in Fach Nr.1.

Dann suchte er in den Einträgen seines Vorgängers nach einer Notiz zu dem Mars- Päckchen. Er fand nichts.

Leuvenhook schwante Schreckliches und er blätterte noch weiter zurück, zu den Einträgen seines Vorvorgängers. Doch da ließ sich keine Unregelmäßigkeit finden, überhaupt waren die Einträge von PO Smith vorbildlich, und sie reichten bis '20 zurück. In dem Jahr war das Auftragsbuch begonnen worden.

Etwas raschelte leise, dann war wieder Ruhe. Und wieder raschelte es. Leuvenhook hielt das Päckchen ans Ohr und schüttelte es vorsichtig. Zorniges Rascheln war die Antwort auf die Bewegung. Leuvenhook ließ das Päckchen vor Schreck fallen. Und als er sich danach bückte stieß er sich beim Wiederaufrichten auch noch den Kopf an der 'Tisch'-Platte.

Jetzt hörte man leises Kratzen und das Rascheln wurde lauter. Es klang wie... wie ein Karton voller Käfer.

Leuvenhook musterte das Päckchen mißtrauisch, als würden ihm jeden Moment ganze Heerscharen von Kerbtieren entsteigen. Dann legte er den Schalter an der Gegensprechanlage zur Brücke um.

"Hir Brück", meldete sich verzerrt die Stimme des Cheffunkers.

"Leuvenhook", antwortete Leuvenhook. "Ich habe ein eigenartiges Päckchen in einem der Postfächer gefunden, mit einem verfallenen Haltbarkeitsdatum. Und es macht ziemlich merkwürdige Geräusche. Ich wollte..."

"Zurück ins Fach damit", befahl die Stimme des Kapitäns. "Rasch!" schloß sich der Cheffunker an.

Leuvenhook war verdutzt, beeilte sich aber, dem Befehl seiner beiden Vorgesetzten sofort nachzukommen. Als er nach dem Päckchen griff, war an einer Schmalseite ein kleines Loch zu sehen. Der Kopf eines grünen Insektes guckte heraus und etwas flog flink an ihm vorbei.

Bevor noch ein weiteres der Viecher ausbrechen konnte, steckte Leuvenhook das Päckchen wieder zurück in Fach Nr.35 und ließ die Jalousie einschnappen. Dann drehte er den noch steckenden Schlüssel um.

Als er die Hände frei hatte, nahm er das Taschenbuch zur Hand, um auf Insektenjagd zu gehen. Auf der grauweißen Wand über dem Lastrefu war ein länglicher, grüngoldener Fleck. Leuvenhook schlug zu, aber noch bevor er dem Tierchen nahe kam, flog es auf und umkreiste die Lampe in der Decke. Und da sah er, daß noch mindestens ein weiteres Flattertier entkommen war, denn an der Decke, neben der Lampe, saß eines, während das andere noch aufgeregt seine engerwerdende Flugbahn um die Lampe zog.

Das Tierchen wirkte ein wenig wie eine Motte, hatte aber auch was von einer Libelle. Leuvenhook sah sich die Rückseite des Taschenbuches an. Der Deckel hatte ein kleines Loch mit verkohlten Rändern und auch durch die letzten drei Seiten des Buches hatte sich das Gift der venusianischen Drachenfliege gefressen.

"Ach du Scheiße", fluchte Leuvenhook leise vor sich hin. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dieses Ungeziefer. Er wartete ein Weilchen, bis sich die herumfliegende Drachenfliege beruhigt hatte. Dann stieg er, das Taschenbuch noch immer in der Hand, auf den Stuhl, um bis an die Decke zu reichen.

Mit einem kurzen, gezielten Schlag erwischte er eine der beiden, die andere jedoch fühlte sich gestört und flog auf. Wieder kreiste sie um die Lampe und warf umherhuschende Schatten an die Wände.

Leuvenhook besah sich den breitgeklatschten kleinen Insektenkörper. Die vier durchsichtigen Flügel standen in unregelmäßigen Winkeln vom länglichen Körper ab, ebenso wie die acht Beine. Der Kopf mit den großen Facettenaugen hatte außerdem eine trichterförmige Ausstülpung kurz vor dem Ansatz des Körpers. Noch im Tode bildete sich auf dem Trichter eine Perle aus durchsichtiger Flüssigkeit, doch die tote Drachenfliege konnte ihr ätzendes Gift nicht mehr verspritzen. Vorsichtig riß Leuvenhook den Buchdeckel ab und legte ihn vor den Lastrefu. Das Tröpfchen zitterte, aber es blieb auf der Trichteröffnung liegen.

Leuvenhook sah sich um. Die zweite Drachenfliege saß hoch an der Wand neben den Postfächern. Er stellte sich den Stuhl zurecht und erstieg ihn ein zweites Mal. Hoffentlich war ihm das Jagdglück wieder hold. Er zielte und... traf! Die Giftblase des Tieres platzte und ein winziger Spritzer traf auch schmerzhaft Leuvenhooks Handgelenk. Der Rest hinterließ schwarze Spuren auf dem Lack der Metallwände.

"Uff!" seufzte Leuvenhook, stieg wieder herunter und legte das verätzte Buch mit der in ihre Bestandteile zerplatzten Drachenfliege neben das andere erlegte Exemplar. Er ließ sich in den Stuhl fallen. War noch irgendwo das Sirren von Flügeln zu hören? Bewegte sich ein Schatten über die Wand? Was war das für ein blauer Fleck dort? Leuvenhook hatte gehört, daß es die Drachenfliegen in verschiedenen Farben gab. Doch der blaue Fleck stellte sich bei genauerer Untersuchung als ein ganz gewöhnlicher Farbfleck heraus. Hoffentlich hatte er sie alle erwischt. Und der Rest mußte im Postfach eigentlich ganz gut aufgehoben sein. Wie lange mochten sie darin wohl überleben? Vielleicht sollte er den Schlüssel wegwerfen.

Es war unverantwortlich von Kim gewesen, nicht wenigstens einen Warnhinweis auf dem Päckchen anzubringen. Allerdings hatten die Brückenoffiziere über den Inhalt Bescheid gewußt, also war ein Warnhinweis - außer für ihn, den Neuling - offenbar überflüssig.

"Was ist?" fragte der Kapitän durch die noch offene Com-Verbindung.

"Alles unter Kontrolle", versicherte Leuvenhook. "Ich werde mich per Lastrefu um einen Kammerjäger bemühen." Nur gut, daß der nächste Halt Venus war und die Leute sich dort mit den kleinen Drachen auskannten.

* * *


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letzte Änderung am 15.06.2011.