27993 Die RSS Dragon auf
ihrem Weg durchs Sonsyst

Aus für Meisenberg

von Bettina Lege

für meinen geliebten Gatten

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Leuvenhook war nicht ganz wohl in seiner Haut als er in dem spärlich eingerichteten Raum auf der RSS Imperiale Stärke auf seine Befragung wartete. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, obwohl der Raum eher kühl war. Er war der letzte der Crew, der die Befragung hinter sich bringen mußte. Durch das Schweigegebot dem die bereits Befragten unterlagen bekam die ganze Angelegenheit jedoch einen mysteriösen Charakter.

Mit einem leisen Zischen öffnete sich hinter ihm endlich die Tür, Schritte weich besohlter Schuhe näherten sich seinem Stuhl. Leuvenhook widerstand der Versuchung, sich zu dem Ankömmling umzudrehen, statt dessen bemühte er sich, seine Haltung möglichst militärisch zu straffen, seinen Blick heftete er starr auf den gläsernen Briefbeschwerer auf dem ansonsten leeren Schreibtisch vor ihm.

"Einen schönen guten Tag, CPO Leuvenhook", begrüßte ihn eine freundliche Frauenstimme und eine nicht mehr jung zu nennende, stramm in ihrer Uniform steckende Frau setzte sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch, legte einen neutral eingebundenen Ordner und ein Klemmbrett mit Papieren vor sich. Danach zückte sie einen Stift aus der Brusttasche ihrer Jacke. FLT Ungers stand über dieser Tasche.

Leuvenhook bemühte sich, das eher professionell eingeübte als herzlich wirkende Lächeln der Frau zu erwidern. "Einen schönen guten Tag, Madam."

"So, sie sind also in Dienst an Bord der RSS Dragon. Schönes Schiff, habe es während meines Shuttlefluges hierher gesehen. Sie wissen warum sie hier sind?" Eine Sprechpause sollte Leuvenhook wohl ermöglichen, zu nicken oder anderweitig zu antworten, aber den Blick senkte FLT Ungers auf den mitgebrachten Ordner, den sie nun aufklappte.

Leuvenhook erkannte die typische zartgrüne Papierfarbe der Personalbögen für Raumpersonal. Um im Sitzen einen Blick auf den Personalbogen zu werfen war der Schreibtisch allerdings zu hoch.

"Äh," erwiderte Leuvenhook nun nachdem sich die Pause ausdehnte, und FLT Ungers einen eher kritischen Blick auf ihr Opfer warf, "es finden Befragungen des Raumpersonals statt, die in kriegswichtigen Raumsektoren Dienst tun."

Ungers nickte, legte ihr Klemmbrett auf die offene Akte und schraubte die Kappe von ihrem Stift. "Sie haben den korrekten Wortlaut der Bekanntmachung zitiert. Da die Dragon sich häufiger im Bereich der Kolonien, insbesondere des Mars aufhält um dort ihren Aufgaben nachzukommen, fällt das Personal der Dragon ebenfalls in die zu befragende Personengruppe, obwohl es sich bei diesem Kurierschiff nicht im eigentlichen Sinne um ein Kriegsschiff handelt. Leider besteht jedoch die Gefahr, daß Menschen, die im Geiste dem Imperium nicht so treu sind, wie ich es von Ihnen wohl voraussetzen darf, Einrichtungen an Bord von Orstas oder auch Schiffen wie der Dragon dazu nutzen, Terra und dem Imperium zu schaden, weil sie sich davon einen Vorteil für die Rebellen erhoffen. Durch Befragungen des Personals wollen wir die Sensibilität der Crew im allgemeinen für solche imperiumsschädigenden Umtriebe erhöhen aber auch offenlegen, bei wem es sich vielleicht um Diener zweier Herren, um Menschen mit geteilter Loyalität handeln könnte." Ungers musterte Leuvenhook kritisch und ergänzte dann erklärend: "Nehmen wir an, ein Crewmitglied hätte Angehörige auf dem Mars oder den mit den Rebellen sympatisierenden Kolonien. Da kann man, je nach Verwandschaftsgrad, geteilte Loyalitäten vermuten, die durch eine genaue Befragung des Betreffenden im Detail geklärt werden müssen, um die Sicherheit des Schiffes, ja, der ganzen RSN sicherzustellen."

Leuvenhook nickte, während er überlegte, was er überhaupt über die Familien der Dragon-Crew wußte.

"Es kann aber auch sein", ergänzte Ungers, "daß Menschen trotz ihres Dienstes in der RSN eine eher negativ zu nennende Einstellung gegenüber dem Imperium und der terranischen Politik haben. In diesen Fällen kann man zum Teil schon fast von einer fehlenden Loyalität sprechen. Diese Menschen, die keine nachvollziehbaren Gründe haben, gegen das Imperium zu handeln aber trotzdem dazu bereit sind, sind die eigentliche Gefahr für uns."

Leuvenhook mußte an Meisenbergs Bemerkung zur Ausbildungspraxis der RSN denken. Vor nicht einmal zwei Tagen hatte der Chefmaschinist sich lautstark darüber echauffiert, daß der Umgang mit den Hiseq-Einrichtungen an Bord der einzige Ausbildungsschwerpunkt für den Raumdienst war, die fachliche Ausbildung jedoch weit zurückblieb, so daß er anstelle von fähigen Mitarbeitern völlig unausgebildete Lehrlinge zugeteilt bekäme. Im Stillen hatte Leuvenhook ihm da zustimmen müssen, als er sich daran erinnerte, wie er selbst bei seinem ersten Dienstantritt vor dem Lastrefu gesessen und die verschiedenen Knöpfe angestarrt hatte.

"Wir sollten jetzt zur Befragung kommen", unterbrach Ungers seine Gedankengänge.

Leuvenhook schrak auf und nickte dann. Er fühlte sich ertappt.

"Erzählen Sie mir einfach einmal, welchen Eindruck sie persönlich von ihren unmittelbaren Kollegen in der Funkkabine haben. Reden sie häufig über Politik? Äußern sie sich vielleicht sogar hauptsächlich kritisch zu einzelnen Ereignissen und Entscheidungen Terras?"

*

Leuvenhook fühlte sich, als habe er das Fegefeuer durchschritten, als er endlich in dem Shuttle zurück zur Dragon saß. Mit bohrenden Fragen und noch bohrenderen Blicken hatte First Lieutenant Ungers ihn ausgequetscht. Des Cheffunkers allgemein negativer Blick auf die terranische Politik gegenüber den Kolonien war ebenso zur Sprache gekommen wie Meisenbergs Ausbruch, ja Ungers hatte sogar noch einige weitere kritische Bemerkungen des Chefmaschinisten zu Terra und seiner Marspolitik aus Leuvenhooks Erinnerung herausgezogen. Die seit kurzem auf dem Mars lebende Schwester der Hilfsmaschinistin, sowie die Tante des Kapitänanwärters, bereits seit Jahren Marskolonistin, waren erwähnt worden und zuletzt noch der Flirt Müller-Neumanns mit einer Marsianierin während eines Kurzaufenthaltes der ganzen Crew in einem Rautel im Ring.

Das Shuttle dockte an, Leuvenhook betrat die Dragon wieder und strebte zur Postbox, doch als er auf dem Oberdeck aus dem Umlift stieg, lief er dem Kapitän praktisch in die Arme. "Drehen sie gleich wieder um, Leuvenhook", sagte der Kapitän. "Sie und einige weitere Crewmitglieder sollen mich an Bord der Imperialen Stärke begleiten."

"Von da komme ich doch eben", begann Leuvenhook zu protestieren.

"Ich weiß", antwortete der Kapitän. "Dem Shuttle habe ich gerade den Start untersagt. Offenbar kommt nun nach der Befragung der ganzen Crew auch noch eine Fortbildung zu Protokollfragen während des Krieges für einige von uns. Leider haben sich die einzelnen Dienststellen wohl nicht ausreichend untereinander abgesprochen."

Und so saß Leuvenhook einige Minuten später zusammen mit dem Kapitän, dem Zweiten Navigator, dem zweiten Funker Tyndahl und dem Koch wieder in dem kleinen Shuttle der Imperialen Stärke, fünf Mann auf einem Platz, der für drei zu eng gewesen wäre. Leuvenhook wurde so an den Rand gedrückt, daß er an dem Piloten vorbei einen Blick auf den Monitor der rückwärtigen Außenkamera hatte. Er genoß das seltene Schauspiel, die grün schimmernde Hülle der Dragon gewissermaßen im Rückspiegel kleiner werden zu sehen. Dahinter, weit entfernt, der bräunlich-blaue Mars, umrahmt von einigen glitzernden Punkten, bei denen es sich wohl um imperiale Kriegsschiffe handelte.

Die Imperiale Stärke war ein Verwaltungsschiff, zuständig in Friedenszeiten für die Fortbildungen der Raumkräfte vor Ort, nun, in Kriegszeiten, auch für die Sicherstellung der Loyalität der Truppen. Der Blick auf den Monitor der vorderen Kamera blieb Leuvenhook leider abermals verwehrt, er hatte nur auf den Fluren der Imperialen Stärke einige Fotos dieses eindrucksvollen Kreuzers sehen können.

Ein kleiner glitzernder Funke neben der Dragon wurde größer und größer. Erst als das Heck der Dragon in einem kurz aufpuffenden Feuerball zerbarst realisierte Leuvenhook, was er da gesehen hatte. "Unser Schiff", sagte er schwach.

"Verdammte Marsianer!" schrie fast im gleichen Augenlick der Pilot des Shuttles. "Sie feuern auf uns!"

*

Noch auf dem Weg zur Imperialen Stärke fing das Shuttle den Notruf des Cheffunkers der Dragon auf. Er gab einen erschütternden Statusbericht über den Zustand der Dragon und konnte über den Verbleib der restlichen an Bord gebliebenen Crewmitglieder nichts sagen, da er den hinteren Teil des Schiffes nicht erreichen konnte.

*

Bei der Bergung des Kurierschiffes stellte sich heraus, daß von allen an Bord tatsächlich nur der Cheffunker den Schuß auf das Heck der Dragon überlebt hatte, da er sich just in dem Moment entgegen der Order nicht in der Postbox, sondern in der Ruhezone im vorderen Teil des Schiffes aufgehalten hatte. Er erlitt nur leichte Verletzungen, während der junge Kapitänsanwärter in den Naßzellen von einem losgerissenen Waschbecken erschlagen, die Hiseq-Fachkraft Müller-Neumann in der nahe dem Maschinenraum liegenden Hiseqkabine getötet, und von Meisenberg und seiner Hilfsmaschinistin nicht einmal genug für eine ordentliche Bestattung übriggeblieben war, da sie sich im Maschinenraum und damit im Zentrum der Explosion aufgehalten hatten.

An Bord der Imperialen Stärke wurde anhand der Aufzeichnungen des Verwaltungsschiffes noch einmal bestätigt, daß ein Schuß der Marsianer auf die Dragon gefallen war.

Die getöteten Crewmitglieder wurden mit allen militärischen Ehren bestattet und ihren postum veröffentlichten Personalbögen ließ sich nicht der leiseste Hauch einer zweifelhaften Loyalität entnehmen.

* * *


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letzte Änderung am 15.06.2011.