29053 Die RSS Dragon auf
ihrem Weg durchs Sonsyst
Sturz und Fall

von Lars Schröder

für Bettina Lege, eine Leuvenhooksche Geschichte

Link zum Newsprec-Wörterbuch
öffnet sich in weiterem Fenster

Auf der Brücke herrschte die Ruhe nach der großen Abschiedsparty. Kapitän Charles Dewhirst öffnete den Messingverschluß seiner Pillendose und schüttete einige Weiße Kosctab in seine Hand und blickte dann über die Reling des Befehlstandes hinüber zu PO Dubrovnik, der vor dem Panoramafenster der RSS Virginia stand. Der PO hatte am Vorabend Dienst getan, zusammen mit CPO O'Reilly und PO McArthur. Normalerweise brauchte man zwar nur zwei Personen, um die Virginia zu steuern, doch am letzten Abend der Reise bemühten sich möglichst viele Offiziere darum Dienst auf der Brücke tun zu dürfen. Der Grund dafür lag nun in den Händen des Kapitäns.

"Mr. Dubrovnik, kommen sie doch bitte einmal zu mir."

Der Vorabend der Ankunft auf dem Mars war traditionell der Anlaß für ein rauschendes als auch (von der Mannschaft) gefürchtetes Fest, das das Ende der Kreuzfahrt durch das innere System feierlich beging. Die Gäste hielten es dabei für ihre Pflicht der Crew im Übermaß zu Getränken zu verhelfen, die in geradezu krimineller Weise gegen die Regeln des RTG verstießen und die Unversehrtheit von Leib und Leben der Crew gefährdeten. Kapitän Dewhirst war unter den Opfern des letzten Abends gewesen, da er es als Kapitän als seine Pflicht empfand an vorderster Front seiner Mannschaft beizustehen. Die Spätfolgen dieses mutigen Einsatzes wurden nun brachial von den Kosctab in einen unruhigen Dämmerzustand versetzt.

"Ja, Kapitän?"

Dubrovnik war ein aufgeweckter junger Mann, der bereits seine dritte Tour mit der Virginia machte. Dewhirst hatte ihn bereits vor der ersten dieser Touren bei einem Landaufenthalt auf der Venus-Orsta kennengelernt, auch wenn beide sich dies nie vor den anderen Mitgliedern der Crew anmerken ließen. Dubrovnik war damals noch Schiffsjunge auf der RSS Dragon gewesen und kaum sechzehn Jahre alt.

"Wann erreichen wir den stabilen Orbit um den Mars?"

Außer Dubrovnik sollte eigentlich auch PO Samuels Dienst haben, aber dieser hatte gestern Abend mit der Nichte der Gräfin zu Hohenburg-Langenscheid und ihrem Verlobten, dem Marquis de Anjou den Venusian Lizardape getanzt, als man ihn zuletzt gesehen hatte. Dewhirst hatte sich vorgenommen Samuels ob seines innigen Verhältnisses zu Passagieren und schottischem Whiskey und nicht zuletzt seiner freien Auslegung von Chronometerlesungen zu befragen.

"In etwa fünf Stunden sollten wir in den Planetenschatten eintreten, Charles."

Der Kapitän hob die rechte Augenbraue während er die Pillendose in den Tiefen seiner Uniformweste verschwinden ließ. Außer dem Rosteu war die Brücke leer, das Sternenfeld klar. Weiter unten am Rumpf konnte man die Panoramakuppel des großen Saales erkennen, mit den Stewards, die wie weißgekleidete Ameisen in einem Terrarium damit beschäftigt waren, die Überreste der letzten Schlacht des Personals mit den Gästen zu beseitigen. Der Rosteu surrte ruhig vor sich hin, während sein inneres Uhrwerk ihn zu einer leichten Kursänderung veranlaßte.

"Sind die Sturzkapseln schon überprüft worden?"

"Bereits gestern Abend, Kapitän, während alle auf dem Fest waren. Keine Fehler gefunden."

"Gut."

Dewhirst strich sich über den Backenbart und schob seinen Bug die Treppe zur Steuereinheit hinunter, um einen besseren Blick auf den gold-grauen Horizont der Außenhülle der Virginia zu haben. Die meisten der kleineren Panoramakuppeln der Imperial Suites waren abgedunkelt, nur in zwei der gläsernen Knospen des Schiffes waren die Lichter noch eingeschaltet. Die bunten Ausbuchtungen der Sturzkapseln mit ihren unterschiedlichen Territorialwappen und Farbmustern mittschiffs waren teilweise schon von ihren Flugdecken aus DuranPlastic befreit worden, in einigen brannten sogar die Ladelichter, obwohl der Abwurfplan noch nicht festgelegt worden war. Man mußte noch auf den Sturzlotsen der Orsta warten, damit Kollisionen vermieden werden konnten, denn nicht alle Sturzkapseln waren mit so fortschrittlichen Stesegeln ausgestattet wie die der Contessa Fairfax-Steiner, die er hell erleuchtet auf dem Rumpf der Virginia erkennen konnte.

"Kapitän?"

"Ja, Mr Dubrovnik?"

"Der Lastrefu hat eine Meldung von der Orsta empfangen, daß der Lotsenspringer auf Kurs ist und uns schon in etwa vierzig Minuten begegnen wird."

"Können die sich denn nie an die Protokolle halten?! Schicken sie eine RoPo nach vorne, daß sie die Fangnets klar machen... und zwar hurtig."

"Ja, Kapitän."

Der PO griff sich den Orderblock vom Tisch neben der RoPo und begann eilig einige Zeilen niederzulegen, während Kapitän Dewhirst nach seinem Raumstecher suchte und ihn schließlich zwischen den Navigationskarten fand. Die RoPo schnurrte munter als PO Dubrovnik zu ihm trat, mit einem zerknüllten Zettel in der Hand.

"Ja?"

"Nachricht von der Sturzkapsel der Contessa, sie fragen wann der Sturzlotse bereit ist ihren Abwurf zu berechnen."

"Zum Teufel, die haben es aber mal wieder eilig. Schicken sie Ihnen eine RoPo, daß der Lotse noch nicht an Bord ist und sie zumindestens warten müssen, bis wir im Planetenschatten sind - immer das gleiche mit dieser verdamm..."

"ACHTUNG RSS VIRGINIA: HIER SPRICHT DIE SPRIKA POLARIS. WIR SIND AUF SICHTWEITE BEI VIER-NEUN-SECHS."

"Schalten sie das leiser, verdammt!"

Dubrovnik schwang sich über die Reling zum Lastrefusprecher, um die Regler neu einzustellen, während Dewhirst zu seinem Kommandostand zurückkehrte. Seinen Raumstecher ans Gesicht setzend begann er nach der Sprika zu suchen und entdeckte die mattgraue Form tatsächlich nur wenige Grad neben der benannten Position.

"Schicken eine Nachricht an die Polaris, daß wir sie ausgemacht haben und eine an die Bug- und Heckfänger, daß sie sich bereitmachen, sie hereinzuholen."

"Ja, Kapitän."

Dewhirst konzentrierte sich erneut voll auf die zerkratzte Hülle der Polaris, einer Sprika, die noch aus der Zeit der ersten Linienverbindungen stammen mußte. Ihr einzelnes Bullauge war von dem dämmrigen Licht der alten Pilzlampen erleuchtet, die sich damals großer Beliebtheit erfreut hatten.

"Die Bug- und Achterfänger melden beide, daß sie die Sprika gesichtet haben und nun die Fangnets ausrichten. Außerdem noch eine Anfrage von der Sturzkapsel der Contessa, ob Sie wüßten mit wem sie es überhaupt zu tun haben..."

Der Kapitän ignorierte die letztere Mitteilung und schickte per Signalgeber den Befehl an den Maschinenraum den Schub zu drosseln und dann gleich darauf die Anweisung die Stedämpfer vorzuwärmen, ein Prozeß der nach dem langen Stillflug einige Zeit in Anspruch nehmen würde.

"RoPo an die oberen Decks, daß die Panoramakuppeln und -sichtfenster in etwa dreissig Minuten zu schließen sind. Nein, sagen wir zwanzig Minuten, die haben da einen ganz schönen Zahn drauf. Auch eine Meldung an die Fänger, daß die uns das nicht verpatzen."

"Aye, Kapitän. Nachricht an die Passagiere?"

"Nicht nötig, die liegen eh noch im Tiefrausch."

Die Minuten verstrichen, und die Sprika kam träge näher, so daß Kapitän Dewhirst auf seinen Raumstecher verzichten konnte.

"Die Bann ist stabil. Letzte Nachricht - Winkel sechs-fünf-fünf - an die Fänger und dann machen sie die Schotten und das Sichtfenster zu, Mr Dubrovnik. Geben sie zehn Minuten Sicherheitsraum für das Docken."

"Wird gemacht, Kapitän."

Die Schotten der Brücke fielen von ihren Halterungen zu Boden und mit einem kratzenden Geräusch schoben sich die Irislamellen vor das Sichtfenster der Brücke.

"Dann sind wir jetzt wohl allein, Charles," sagte PO Dubrovnik, als er Schiffscom und Lastrefu stumm schaltete. Er grinste wieder wie auf der Ringorsta, wo er in Begleitung eines Schlägers von der Venus mit schlechten Manieren namens Bell gewesen war, der ebenfalls Dienst auf der Dragon getan hatte. Neben seiner ungehobelten Umgangsweise, seinem grauenvollen Akzent und seiner ständigen Streitlust, war dieser Mann Dewhirst auch durch seine besitzergreifende und überheblich Art auf die Nerven gegangen. Schließlich waren alle drei nach einer Kneipenschlägerei, die der Venusianer mit einem CPO der Princess of Orange vom Zaun gebrochen hatte - er hatte versucht diesen dazu zu bringen, ihm zu Diensten zu sein, indem er mittels eines festen Händedrucks androhte eine Änderung in dessen Familienplanung vorzunehmen. Der RSPman der just in diesem Moment die schmierige Kneipe betrat zumindestens hielt dies für straffälliges Verhalten, auch wenn er länger wartete als unbedingt nötig gewesen wäre um eine Straftat nachzuweisen, bevor er den CPO erlöste - in den wenig anheimelnden Quartieren für NictRingOffer gelandet. Am nächsten Morgen hatte man den Kapitän und den Moses entlassen, Bell allerdings hatte einem der RSPler so böse das Gesicht massiert, daß man ihn zu einigen Tagen Sonderurlaub einlud, die er sich außer Stande sah abzulehnen. Gerüchte kursierten, daß es sich um einen exklusiven Club in einer der sonnenabgekehrten Föderungseinrichtungen des Ringes gehandelt habe.

Der Ruck der plötzlich durch das Schiff ging kam zu früh und aus unerwarteter Richtung. Die RoPo begann wie wild zu surren. PO Dubrovnik sprang auf und stürmte zum Schacht um die Nachrichten entgegenzunehmen. Kapitän Dewhirst starrte wie gebannt auf die geschlossenen Irislamellen des Sichtfensters. Er schluckte einmal, dann nochmals und drehte sich zu dem PO um.

"Überprüfe die Sicherungslichter der GRConts und UltrakälteConts, vielleicht haben wir einen Kurzen und die Fracrobs haben sie vorzeitig abgeworfen... das würde den Stoß erklären. Stimmt unser Kurs noch?"

Da Dubrovnik aber noch mit dem Greifer der RoPo kämpfte, strampelte der Kapitän selbst zu den Lichterreihen des Kontrollpultes. Grünes Lämpchen reihte sich an grünes Lämpchen, nur bei GRCont 14 war die Lampe durchgebrannt und die Birne von innen schwarz angelaufen. Die rote Lampe darunter war allerdings in tadellosem Zustand und so dunkel, als würde sie die Bedeutung des Wortes Aufleuchten nicht verstehen wenn man ihr ein Wörterbuch vor die dünne Glaskugel halten würde. Es wäre PO Samuels Aufgabe gewesen alle Meßinstrumente bei Wachbeginn auf ihre Funktion zu überprüfen.

"Wir haben ein paar Grad Abweichung, Kapitän..."

Bevor der PO seine Satz zu einem Ende bringen konnte, schlug Dewhirst auf den gelben Notauslöserknopf des Sichtfensters neben seinem Kommandostand und verfluchte innerlich Samuels und dessen gesamte Reihe von Vorfahren, mit der Gewissheit, daß dieser ähnliches tun würde, sobald Dewhirst mit ihm fertig war.

"Wo ist die Sprika?! Wieviel Zeit?"

"Wenn wir unser Tempo nicht verändert haben, noch etwa fünf bis sechs Minuten, Charles."

"Da! Da ist sie! Sofort Nachricht an die Fänger, Abweichung der Sprikaposition auf fünf-neun-drei, nein, zurück, sechs-neun-drei..."

"...sechs-neun-drei, aye, Kapitän."

Mit einem behäbigen Bewegung hievte sich Dewhirst von seinem Stand zum Rosteu hinüber und schloß manuell, unter Ächzen und Stöhnen das Fenster erneut, nur um kaum vor Vollendung seiner Aufgabe von einer weiteren Erschütterung zu Boden geworfen zu werden. Minuten verstrichen, dann endlich surrte der RoPo erneut. Dubrovnik entfaltete den Zettel.

"Sie haben sie, Kapitän, die Sprika ist eingefangen und der Flextu ausgefaltet."

"Der Lotse soll gleich raufkommen, Schotts und Fenster wieder öffnen!"

"Aye, Kapitän."

"Und dann will ich sofort wissen was das alles zu... VERDAMMT?!! Diese neunmalklugen aristokratischen Schlickfresser!"

"Kapitän?!"

"Die Contessa konnte es wohl nicht erwarten ihren Jagdausflug auf Sirtis zu beginnen...", und dabei deutete Dewhirst mit hochrotem Kopf auf den verwaisten Dockplatz der Sturzkapsel der Contessa. Den Raumstecher vor Augen konnte er schnell die taumelnde Form mit den buntgefärbten Stesegeln ausmachen, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf den roten Planeten hinunterstürzte, auch wenn es von der Brücke der Virginia aus eher wie der wechselhafte Aufstieg eines schillernden Schmetterlings aussah.

Das Schott zur Brücke öffnete sich und der kleingewachsene Sturzlotse der Mars-Orsta schleppte sich in seinem abgetragenen Druckanzug, die Kladde der Sturzpläne unter den rechten Arm geklemmt, herein.

"...und weil es ja nichts weiter ausmacht, hat sie uns dabei auch noch fast mit einer Sprika abgeschossen! Dreitausend heulende Höllenhunde auch, was denken sich diese Typen eigentlich! Man sollte sie gleich allesamt..."

Der Lotse räusperte sich mehrfach laut, was die Schimpftirade des Kapitäns abrupt ausbremste. Er nickte mit seinem kahlgeschorenen Schädel dem Kapitän und seinem PO zu und schlurfte dann betont langsam zum Navigationsstand vor dem Sichtfenster, wobei das Gummi des herabhängenden Druckanzuges merkwürdige Geräusche von sich gab. Neben dem großen gelben Schild "Sicereitsvorkerungen beacten! Nict raucen!" breitete er dann die Sturzkarten und seine Kladde aus, während der Kapitän die Gelegenheit nutzte seinen Bart zu richten und PO Dubrovnik mit einem Handzeichen dazu aufforderte das Schott wieder zu schließen.

"Was is'n?" murmelte der Schmutziggraugekleidete als er mit dem abgeriebenen Plasticfinger seines Handschuhs die Sturzkapsellisten nachvollzog. Man konnte anhand der Falten auf seinem Hinterkopf erkennen, daß seine Stirn ebenso in Falten gezogen sein mußte.

"Die Contessa Fairfax-Steiner hat ihren Aufenthalt an Bord der Virginia eigenwillig verkürzt und ist etwas vorzeitig auf Sturz gegangen - und hätte uns dabei mit eurer Sprika zusammenkrachen lassen."

"Fairfax-Steiner? Die mit dem Herzog von..."

"Genau die," fiel Dewhirst dem Mann ins Wort. Sich besinnend fügte er auf sich selbst deutend hinzu, "Charles Tiberius Dewhirst, Kapitän der Virginia."

"Proctor Fiddle, Sturzlotse dritter Klasse, RMM. Wir haben dann also eine Kapsel weniger in den Flugplan einzubauen? Gut, dann können wir ja erstemal einen trinken, oder?"

"Zuerst sollten wir überprüfen, ob die Sturzkapsel der Contessa nicht auf Spinnkurs gegangen ist, oder?" warf Dubrovnik von hinten ein, wenn auch etwas kleinlaut.

"Ja, schon recht." Dewhirst bemühte erneut seinen Raumstecher und suchte mit langsamen, gemessenen Schwenks das matte rot der Marsoberfläche ab. "Es wird noch soweit kommen, daß wir ihr ein Shuttle nachschicken müssen, weil ihr ach so kluger Chauffeur die Landemarken trotz Stesegeln verpasst. Oder schlimmeres. Wie ist heute eigentlich das Wetter da unten?"

"Eh? Ach so, na wie immer, kaum ein Lüftchen. Wenn sie nicht mit einem Scwebebaum zusammenstoßen, wird wohl nichts weiter passieren, ihr seit heute die einzigen, die Abwürfe auf Sirtis machen."

"Na so ein Pech auch, da sind sie ja. Schmeiß' das Lastrefu an, Dubrovnik, denen werde ich jetzt aber mal die Hölle... oh, verdammt!"

Zu dem kunstvoll gesprenkelten Formen der Sturzkapsel mit voll ausgebreiteten Stesegeln hatte sich vor dem Hintergrund der Südhalbkugel der häßliche Fleck einer alten RSN Frigatte gesellt, kaum mehr als ein antiquarisches Fundstück.

"Ah, das ist die HMS Lion, 'n Geisterschiff, noch vom letzten Bürgerkrieg, die treibt sich schon seit zwanzig Jahren in den oberen Schichten 'rum, aber da ist noch nie...", begann der Lotse als alle drei Raumfahrer deutlich erkennen konnten wie sich die Sturzkapsel zu drehen begann und nun auf das Wrack der Lion zutrudelte.

"Dubrovnik, sofort eine Verbindung zur Sturzkapsel, aber plötzlich!"

"Aye, Kapitän!"

Der Lotse schüttelte den Kopf und begann den Spind unter dem Kartentisch zu durchsuchen, während Dewhirst den Blick nicht von dem ungleichen Paar nahm, daß, jeder Partner in seinem eigenen Takt, in der oberen Atmosphäreschichten tanzte.

"Sie hätten mindestens eine Umrundung warten müssen..." murmelte Dewhirst vor sich hin, als der PO die Verbindung zur Sturzkapsel herstellen konnte.

"Hab' sie! Kapitän, wir haben ein Verbindung, da sind aber starke Interferenzen und der Typ am anderen Ende ist so ein ondulierter..."

"Freisprec, sofort!"

"Aye, Kapitän."

Das Knistern des Freispreccanals zitterte durch die Brücke und bevor Dewhirst irgendetwas sagen konnte, tönte die verstärkte Stimme aus der Sturzkapsel herüber.

"Ello? Ello? Ier ist <knirrrst> Ello? Virginia? Oeren Sie uns?"

"Hier spricht der Kapitän der Virginia, sie müssen sofort ihren Kurs wechseln, wenn sie nicht mit einem Trümmerschiff zusammendonnern wollen..."

"S<knirrst>en? Captin, Sie mues sich irren, <knirrstirrr> da wir aben einen, wie sagt man noc? <knirrrstirrst>"

"Geht das nicht klarer?!"

Der PO zuckte nur leicht mit den Schultern während er die Regler mit fahrigen Bewegungen mal in die eine, dann in die andere Richtung drehte. Schließlich gab er der Konsole einen linken Haken zu spüren, für den er auf verschiedenen Orstas berüchtigt geworden war, womit der Kanal mit einem Knarzen den Geist aufgab.

Für einen Moment war nur das Knistern und Rauschen der Freisprec-Anlage zu hören. Kaptiän Dewhirst drehte sich langsam um, seine Augen auf den PO gerichtet wie die Zielrohre eines Gebofa. Dieser zuckte kaum merklich mit den Schultern und wandte sich wieder den Reglern vor ihm zu.

Der Kapitän wandte seine Aufmerksamkeit erneut der Sturzkapsel und ihrem ungleichen Gegenüber zu. Er versuchte sich vorzustellen, was passieren würde, wenn die bunten Segel der Kapsel mit den abgewetzten Aufbauten der Lion zusammentreffen würden, wie die Stesegel reißen würden und beide zusammen in den freien Fall übergehen würden. Selbst mit den Kollgen (die eigentlich für den Ring gedacht waren) würde man die Kollision nicht verhindern können... sicherheitshalber zog er den Kurs nochmals mit seinem Raumstecher nach. Es würde knapp werden. Vielleicht würden sie ja gar nicht zusammenstoßen...

"<Knaarzzirrrrsch>"

"Wollten wir nicht was trinken, Käp'ten?"

"Was?!"

"Ich dachte nur, wenn die da eh nur so vor sich hinstürzen und wir eh' nichts tun - also, dann könnten wir doch ebensogut wieder zur Routine übergehen, oder?"

Charles Dewhirst blinzelte einmal, dann erneut und schließlich ein drittes Mal. Er räusperte sich und wandte sich langsam zu der Kartenstation um. Erst das Empfangssignal des Lastrefu bewahrte ihn davor, etwas zu tun, was dem internationalen Code der Freien Raumfahrt widersprach.

"Haben wir sie?"

PO Dubrovnik nickte nur und schaltete ohne Umschweife auf Freisprec.

"<friiiksssss>tin? Oeren sie uns? Wir sind seemly beinahe auf ein collisionskurs mit ein ueck scrott geraten <kniiirsssstss>"

Tatsächlich konnte man beobachten, wie die Sturzkapsel gemächlich an der Lion vorbeischrammte, die daraufhin langsam, wie als ob sie von einer spielerischen Riesenhand angestoßen worden wäre, ihre Bahn zu ändern begann, wobei sie um ihre Bugsektion trudelte. Während die Lion nun einen rapiden Senkflug begann, wobei das Heck die Fahrtrichtung anzeigte, blähten sich die Stesegel der Sturzkapsel auf und zittern unter der Last der oberen Luftschichten, als sie von den Steuerarmen herumgerissen wurden. Der Bug begann wie wild zu hüpfen und für einen Augenblick glaubte Dewhirst die Membranen der Stesegel tief unter/über ihm durch die Leere und zwanzig Zentimeter Schutzglas der Beobachtungskuppel der Brücke reißen zu hören.

Er bemerkte den Lotsen zu seiner Linken, der ihm ein Glas in die Hand drückte. Fiddle nickte dem Fenster zu.

"Na, wie schaut's?"

Charles klammerte das Glas fest in der Hand, schloß die Augen und stürzte den Inhalt ungeachtet seiner Natur in einem Zug herunter.

"Sieht doch nicht schlecht aus - leichte Trudelbahn aber sonst..."

Kapitän und Lotse beobachteten wie die Nase der Kapsel sich langsam wieder Sirtis und seiner Landemarken zudrehte, während die Lion etwas tiefer in ein Scwebebaumwäldchen geraten war und nun erneut einem Absturz entgangen war, dessen Ranken sich um Bug und Brückensektion geschlungen hatten.

"Kapitän? Da ist eine Nachricht auf dem Lastrefu..."

Dewhirst nickte dem PO zu und hielt sein Glas dem Lotsen hin, der, den Blick weiterhin auf den Sturz der Kapsel gerichtet, einen Schwall bernsteinfarbene Flüssigkeit nachschenkte.

"RSS Virginia? Hier ist Sirtis Sturzkontrolle. Wir haben ihre Kapsel erfasst und richten die Nets aus. Machen sie nächstes Mal gefälligst Meldung, sonst knallt uns so ein Ding noch mal in den Sand."

"Natürlich Sturzkontrolle. Sagen Sie, könnten sie da unten vielleicht eine Net-Fehlfunktion haben?"

"Bitte wie meinen?"

"Nichts. Nichts, nur so ein Gedanke, Sturzkonrolle. Wir beginnen in etwa einer Stunde mit dem planmäßigen Stürzen. Virginia Ende."


© Bettina Lege 2006 / 2017, eMail schreiben,
© Lars Schröder ( l_schroeder@gmx.de) 2000, alle Urheberrechte beim Autoren,
letzte Änderung am 07.04.2015.