
<< Zum Kommentar ![]()
Ich komme, als zwar studierte, aber nicht wissenschaftlich arbeitende Althistorikerin, inzwischen eher aus dem Haushalts- und Facilitymanagement, mit drei inzwischen ehemaligen Schülern eines der vom Landkreis getragenen, allgemeinbildenden Gymnasien in meiner niedersächsischen Heimatstadt. Da mir die Alte Geschichte aber weiterhin am Herzen liegt, bedauere ich sehr, daß insbesondere die Inhalte der Griechischen Antike in der Schule nur oberflächlich vermittelt werden. Das zum Abfassungszeitpunkt noch kommende Europawahljahr 2024 regte mich an, diesen Aufruf zu schreiben.
Um das Verständnis dafür zu wecken, daß Griechenland für Europa mehr bedeutet als kaltgepresstes Olivenöl und Urlaub auf den Ägäisinseln, im Folgenden ein Exkurs zur Rezeption der etwa 1600 Jahre überspannenden Griechischen Antike, die mit Minoern und Mykenern begann. Die tradierten Erzählungen aus der frühsten Zeit machten so etwas wie Europa erst möglich - und ich meine jetzt nicht den unter anderem auch von Rubens auf einem Stierrücken reitend gemalten Nackedei, sondern die Idee, ein gemeinsames kulturelles Erbe zu haben.
Die Idee eines gemeinsamen Erbes hatten die verschiedenen Stämme der Griechen durch die Homerischen Epen, die dann auch ganz fix alle die als 'ihre' Geschichte adoptierten, die ebenfalls als Griechen (die Makedonen) - oder zumindest als zivilisiertes Volk mit einer zu den Anfängen zurückreichenden Geschichte (die Etrusker und letztlich auch die Römer) - angesehen werden wollten. Noch im Mittelalter wurden in Europa Abstammungslinien gezimmert, die zumindest auf die Trojaner zurückführten, die ja schon deswegen als zivilisiert galten, weil sie in den homerischen Epen als nicht unwürdige – wenn auch geschlagene - Gegner der Griechen des heroischen Zeitalters vorkommen.
Die Bedeutung der Griechischen Antike war den Bildungsbürgern des 19. Jahrhunderts in ganz Europa bewußt (auch wenn man sich nationalstaatlich in die Haare bekam): Nicht nur angehende Theologen lernten Altgriechisch in der Schule, sondern es gehörte mit Latein und Hebräisch zum altsprachlichen Bildungskanon. Selbstverständlich gehörte zu einer fundierten Ausbildung auch die (Kriegs-)Geschichte der alten Griechen, und nicht nur ihr mythischer Kampf gegen die Trojaner, sondern vor allem ihre historischen militärischen Erfolge gegen die Perser (Spartaner und andere Griechen, die Geschichte der '300', Anfang des 5. Jh. v.u.Z.), und noch mal gegen die Perser (Alexander III. von Makedonien im 4. Jh. v.u.Z., der besser als Alexander der Große bekannt ist und nach Meinung seiner griechischen Zeitgenossen eben kein Grieche war).
Neben den Homerischen Epen waren es vor allem die historischen und autobiographischen Kriegsberichte aus klassischer Zeit (5. und 4. Jh. v.u.Z.), die man in der Schule las: Herodot (der erste griechische Historiker, 5. Jh. v.u.Z.) aus Halikarnassos in Kleinasien, heute Türkei, der sich später in Unteritalien niederließ, Thukydides (5. Jh. v.u.Z.) und Xenophon (5./4. Jh. v.u.Z.), zwei aus Athen, also vom griechischen Festland stammende Historiker, und den sprachlich vergleichbaren, aber sehr späten Attizisten (klassisch-athenisches Griechisch schreibenden) Plutarch (aus Chaironeia in Böotien stammend, also ebenfalls ein 'Festlandgrieche', aus dem 1. Jh. n.u.Z.), der vor allem durch seine vergleichenden Lebensgeschichten herausragender Griechen und Römer bekannt ist. Und man las die Philosophen der Klassik: den Athener Sokrates (5. Jh. v.u.Z.), wie er bei Platon vorkommt, denn selbst hat er gar nichts geschrieben, seinen ebenfalls aus Athen stammenden Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles aus Stagira auf der Halbinsel Chalkidike, also ebenfalls Festlandgrieche und zeitweilig Lehrer des makedonischen Prinzen Alexanders. Die hellenistische Koiné (die überregionale griechische Gemeinsprache) war seit den Nachfolgern Alexanders (den Diadochen) in den zum Teil ausgedehnten hellenistischen Königreichen spätestens seit dem 2. Jh. v.u.Z. die 'lingua franca' oder vielleicht auch das griechische 'Pidgin' östlich von Italien.
Die Gewichtung der Schulfächer hat sich seit dem 19. Jh. natürlich stark gewandelt: Latein als erste Fremdsprache gibt es so gut wie gar nicht mehr und Altgriechisch als dritte Fremdsprache hat es zumindest in den Schulen meiner Heimatstadt nicht bis in die 2020er Jahre geschafft. Die Naturwissenschaften, Computerkompetenz, die modernen, 'lebendigen' Sprachen nehmen einen breiteren Raum ein, und Geschichte ist inzwischen ohnehin ein einstündiges Fach.
Es ist ja nicht so, daß die Griechische Antike in der Schule heute gar nicht mehr stattfindet. Ganz abgesehen von Urlaubsberichten nach dem Griechenland- oder Türkei-Aufenthalt (ja, auch ein Teil der Türkei gehört streng genommen zur Griechischen Antike, an der kleinasiatischen Mittelmeerküste saßen nämlich in der Antike die Ionier, ein griechischer Stamm, der dort eine Menge Städte gründete, die heute - unter teilweise etwas anderem Namen - zum größten Teil noch immer existieren), wird in vielen Schulfächern auf Erkenntnisse der Antiken Griechen zurückgegriffen:
- Das Wort 'Geschichte' - inklusive der bewußten sprachlichen Nähe zum Wort 'Geschichten' - hat der griechische Historiker Herodot geprägt.
- In der Mathematik gibt es Exkurse zum Satz des Pythagoras (6. Jh. v.u.Z., von der vor der kleinasiatischen Küste liegenden Insel Samos stammend und nach Süditalien ausgewandert), und in höheren Klassen kommt man mit einigen der bereits seit dem 8. Jh. v.u.Z. verwendeten griechischen Buchstaben zur Bezeichnung von Summe und Produkt in Kontakt.
- In der Physik hört man von der Archimedischen Schraube (nach dem griechischen Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes, 3. Jh. v.u.Z. aus Syrakus, Sizilien) und später verwendet man auch dort griechische Buchstaben für einige Einheiten und Operatoren.
- Im Religionsunterricht hört man gerüchteweise vielleicht einmal, daß das Neue Testament ursprünglich auf Griechisch verfaßt worden sei (und das ist es, in der Koiné).
- Im Sportunterricht befaßt man sich unter anderem mit einigen olympischen Disziplinen. Die Reste des antiken Olympias und seines berühmten Zeus Heiligtums, in dessen Hain vom 8. oder 7. Jh. v.u.Z. bis ins 4. - im kleineren Umfang bis ins 6. - Jh. unserer Zeitrechnung alle vier Jahre von allen Griechen besuchte sportliche Wettkämpfe zu Ehren des Gottes stattfanden – und das seit der Wiederbelebung der Olympiade Ende des 19. Jahrhunderts Lieferant des Olympischen Feuers für die modernen Sommer- und Winterspiele ist -, liegen noch heute in Elis auf der Peloponnes, also auf dem griechischen Festland, an der griechischen Nationalstraße EO74.
- In Englisch hört man in höheren Klassen vielleicht von den 'Elgin Marbles', die der Brite Lord Elgin im 19. Jh. mit Erlaubnis der damals dort regierenden Osmanen auf der Athener Akropolis vom Parthenon abgebaut hat (über die genaue Herkunft des Altars von Pergamon (an der kleinasiatischen Küste) wurde zumindest zu meiner Zeit in der Schule wenig erzählt: da haben die Deutschen in einer ebenfalls osmanisch regierten Stadt an die 70 Jahre nach Elgin die Chance genutzt, ihre Marbles einzusammeln). Oder man sieht - für den Umgang mit einer lebendigen Sprache typisch - im Unterricht einen US-amerikanischen Film, in dem die Studentenvereinigungen typischerweise mit drei griechischen Buchstaben bezeichnet werden.
- Später gibt es für daran Interessierte 'Philosophie' (Griechisch für 'Weisheitsliebe'), wo zum Auftakt die griechischen (ionischen) Naturphilosophen und andere Vorsokratiker, die oben genannten Klassiker und alle die griechischen Philosophen, von denen inhaltlich weniger überliefert wurde, auf eine Unterrichtseinheit eingedampft werden, damit man dann schnell die Kurve über Cicero und Augustinus zur Moderne kriegt.
- Ähnliches passiert in Politik und Wirtschaft, wo in einer Stunde vielleicht einmal kurz die griechischen Staatstheorien (beginnend mit den Exkursen bei Herodot) angerissen werden, um dann Neueres, auf den griechischen Theorien Fußendes zu unterrichten.
Wie wäre es - und nun sind wir da, wo ich hin will -, wenn man einmal einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen würde? Was wäre, wenn man - neben den ohne Zweifel wichtigen Projektwochen zu Energiesparen und Nachhaltigkeit, zu gesunder Ernährung und Bewegung, zu Menschenwürde und Inklusion in der Schule - auch mal eine Woche zu Europa planen und durchführen würde? Das muß ja nicht nur die Griechische Antike sein, die dort - zusammengetragen aus den verschiedenen Fachdisziplinen - betrachtet werden kann, aber die Geschichte Europas fängt mit der Griechischen Antike an. Die Mythen und die Weltsicht der Antiken Griechen sind das verbindende Element, das erst ermöglichte, daß viele andere, die Europäer heute verbindende Elemente, sich entwickeln konnten. Ohnehin wäre es meiner Meinung nach auch wichtig, zumindest gelegentlich über das 20. Jahrhundert hinaus in die Vergangenheit zu blicken, wenn es mal ein geisteswissenschaftliches Thema für eine Projektwoche sein darf.
Warum also fängt man nicht einmal mit einem inklusiven griechisch-hellenistischen Europa in den Grenzen des 3. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung an, von der Balkanhalbinsel bis zum Hindukusch und vom Don bis Assuan? Die zu dieser Zeit zum Teil ebenfalls Griechisch sprechenden Römer kann man dann ja gleich hinterherschieben.
* * *
© Bettina Lege (Kontakt) 2004 / 2026, weitere Urheberrechte im Detail,
zuletzt geändert am 10.05.2025.