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Die sorglosen Jahre

von Bettina Lege, 23.08.2019

Die sorglosen Jahre wurden mir erst in der Rückschau bewußt. Wenn sich zu der Verpflichtung für und der Sorge um die Kinder und das Geschäft plötzlich die Sorge um die Eltern gesellt, weiß man erst die Sorglosigkeit der eigenen Kindheit und Studienzeit zu würdigen. Und man fühlt sich den Eltern noch mehr verbunden, wenn man sich plötzlich in einer Reihe mit ihnen und ihren Vorgängern sieht, insbesondere wenn man sich zumindest dunkel erinnert, wie Vater oder Mutter sich um die eigenen Eltern gekümmert haben. Man kann plötzlich das Gewicht dieser Verantwortung einschätzen und würdigen, wie die Eltern trotzdem noch für ihre Abkömmlinge da waren, obwohl die Last sich vervielfacht hatte.

Daß man sich in dieser Reihe sieht bedeutet wohl auch, daß man alt geworden ist und schon ahnt, daß man bald derjenige ist, um den die eigenen Kinder sich sorgen, die jetzt noch klagen bei jeder kleinen Aufgabe, die man ihnen in die Hände legt und sie damit von ihren Hobbies abhält. Bald werden sie ihre eigenen Angelegenheiten vollverantwortlich übernehmen, etwas später vielleicht als Elternteil 24 Stunden am Tag für ein neues Leben verantwortlich sein und durch den Schlafmangel, der damit einhergeht, noch gar nicht begreifen, daß ihre sorglosen Jahre nun schon hinter ihnen liegen. Und sie werden dann in der Rückschau vielleicht auch gnädiger mit den bemängelten Unzulänglichkeiten der eigenen Eltern, die unaufmerksam sind, dieses nicht mitkriegen und jenes nicht hören wollen, weil ihnen zu viel im Kopf herumschwirrt, was noch erledigt werden will und gar nichts mit dem Kind, das da gerade vor ihnen steht, zu tun hat.

Im Idealfall haben sie einen Partner, der diese Last mit ihnen trägt, der einem Strauchelnden wieder aufhilft und ermöglicht, daß er wieder komplett gesunden kann, um die Last weiterzutragen. Bis sie verstehen, daß auch sie sich in die Reihe ihrer Ahnen gestellt haben und nur darauf warten, daß die eigenen Kinder ihre Last Stück für Stück aufladen und verstehen, das dies wohl einer der Sinne des Lebens ist: seinen Teil an der Sorge für anderen zu übernehmen.

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zuletzt geändert am 13.01.2022.